loading
Otto Wagner (1841-1918)

Von der Stadtbahn zur Postsparkasse

Otto Wagner - seiner Zeit voraus ?

skizze-klitsch.jpg

„Doch nur vor einem ist mir bang: Die Zeit ist kurz - Die Kunst ist lang.“ Mit dieser Einleitung beginnt das Skizzenbuch von H. Klitsch im Jahr 1903, in dem er sich in Studien den Wiener Stadtbahnstationen von Otto Wagner widmet. Mit dieser Gestaltung Ende des 19. Jahrhunderts setzte der Akademieprofessor O. Wagner (1841-1918) ein bleibendes Zeichen der modernen Baukunst in Wien. Diese städtebauliche Intervention umfasste neben der Steckenführung die Stationsgebäude, Pavillons, Brücken, Tunneltore usw. Die sichtbare Eisenkonstruktion war zweckmäßig, entsprechend materialgemäß auch die künstlerische Durchführung. Die Gitter lassen die Abwendung vom Historismus zu einer neuen dekorativen Gestaltung und einem eigenen Stil erkennen.
Die Gebäude sind großteils heute noch in Verwendung und ebenso wie die Ausgestaltung in situ zu besichtigen. Bei Renovierungen wurden Teile der Gitter entfernt.

psk.jpg

Ein weiterer Meilenstein der modernen Architektur in Wien ist die 1904 begonnene Postsparkasse (PSK) von Otto Wagner. Der Anspruch auf Zweckmäßigkeit sowie die Material- und Konstruktionsgerechtigkeit sind bei diesem Projekt erneut zu erkennen, verbunden mit einer Reduktion der dekorativen Elemente. Bereits im Dezember 1906 nahm die Postsparkasse ihren Parteienverkehr im neuen Gebäude auf. Das Raumprogramm war folgendermaßen geplant: im Tiefparterre liegende Arbeitsräume und der Saferaum, im Parterre ein großer und ein kleiner Kassensaal, im 1. Stock das Büro des Direktors, jenes für den Direktorstellvertreter und weitere Büroräume. Die Büros für den Spar- und Scheckverkehr waren über oder neben den beiden Kassensälen angeordnet.
Wagners Ansprüche waren auch im Bereich der Innenausstattung zu erkennen. Dazu gehörten beispielsweise die Bugholzsessel und jene in mehreren Varianten ausgeführten Schreibtische. Bei der Gestaltung der Armlehnstühle griff Wagner auf sein im Depeschenbüro der Tageszeitung „Die Zeit“ verwendetes Modell zurück, veränderte jedoch Sitzrahmen und Rückenlehne. Sowohl die Bugholzunternehmer J.&J. Kohn, die bereits die Modelle für „Die Zeit“ geliefert hatten, als auch die Gebrüder Thonet bewarben sich für den Auftrag und teilten sich die Produktion der Bugholzmöbel für die PSK. Dieses Grundmodell wurde für die Ausstattung des gesamten Gebäudes herangezogen, von den einfachen Büros bis hin zum Direktionsbereich. Um dennoch die unternehmensinterne Hierarchie zu bewahren, nutzte Wagner die Möglichkeit eines ganz bewussten Materialeinsatzes.
Aus diesem Grund findet sich der Stuhl in unterschiedlichsten Ausführungen, die sich hauptsächlich in Zahl und Material (Messing oder Aluminium) der Beschläge, der Farbe der Beizung und in der Bespannung der Sitzfläche unterscheiden.
Bei Umbauarbeiten in der Nachkriegszeit wurden Teile der Einrichtung „ausgeschieden“, allerdings von Patrick Kovacs gerettet und neu entdeckt, wie einer der Schreibtische des Großraumbüros ebenso wie ein dazugehöriger Stuhl.
Die PSK-Modelle wurden in vereinfachten Variationen von den Bugholzfabrikanten in ihr Verkaufssortiment aufgenommen und wurden zu zeitlosen und funktionellen Klassikern. Otto Wagner prägte als Architekt auch weitere Generationen gemäß der Vision: „Die Zeit ist kurz, die Kunst ist lang“.

Ausgewählte Literatur:

  • Christian Witt-Dörring, Otto Wagner Möbel, Ausstellung PSK Wien 1991.

  • Paul Asenbaum, Peter Haiko u.a., Otto Wagner. Möbel und Innenräume, Salzburg-Wien 1984.